Kleiner Kindergipfel: Sag mir, wo die Kinder sind

Seit Wochen sind Kinder und Jugendliche »draußen«. Schule und Kita ohne Regelbetrieb, keine Vereinsarbeit, keine Freizeittreffpunkte. Familien und Kinder sind längst in vielen Nöten. Sie brauchen ein Stimme. Der kleine Kindergipfel des Netzwerks gegen Kinderarmut am 20. Mai 2020 gab sie ihnen.

Seit Corona sind Eltern alles: Hauslehrer oder -lehrerin, Kita-Erzieherin, Hortbetreuer oder -betreuerin. Nebenbei noch Vater und Mutter, dazu im Job, der sich vielfach im Home Office abspielt. Kein anderer Bereich wurde mit der Pandemie so privatisiert und auf sich selbst zurückgeworfen wie der Familienbereich. Und nicht alle schaffen das. Franziska Löffler, sie leitet das Büro Kinder(ar)mut der Arbeiterwohlfahrt in Potsdam, erzählt von einem Alltag, den wir kaum wahrnehmen oder anders gesagt, kaum wahrhaben möchten. Zum Beispiel von täglich 300 mal Frühstück für Kinder aus armen Familien. Ermöglicht durch Spenden. Von Schulmaterialien, die Schulsozialarbeiter für bedürftige Kinder sammeln. Das beginnt beim Füller, geht über Schulhefte und reicht inzwischen bis zu gebrauchten Laptops. Die werden aufgepeppt und auf »Zoom« programmiert, damit auch Kinder, die ansonsten ausgeschlossen wären, am Homeschooling teilnehmen können. Franziska Löffler spricht von einen Stadtteil, in dem es viele Kinder gibt, aber keinen einzigen niedergelassenen Kinderarzt. Von einem Waschsalon für Jugendliche, deren Wäsche zuhause nicht mehr gewaschen wird. Eigentlich unvorstellbar, aber Realität. Und von Ängsten, die längst in der Mittelschicht angekommen sind: Die Angst „abgehängt“ zu werden. Ein diffuses Gefühl, das den Kindern nicht verborgen bleibt. Da braucht es Beratung, Zuhören, Unterstützung bei diversen Anträgen. Aber ihr, der Chefin, ihrem Team, den Mitstreitern und Mitstreiterinnen in den Stadtteilbegegnungsstätten und Bürgerhäusern sind die Hände gebunden. Seit vielen Wochen, Corona macht den direkten, vertrauensvollen Kontakt fast unmöglich.

Die Schilderungen aus Sachsen-Anhalt, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern ähneln denen aus Brandenburg. Ines Grimm-Hübner aus dem Salzwedelkreis berichtet von Tafeln, die weggefallen sind. Insgesamt fehlen in Sachsen-Anhalt momentan 40 Prozent dieser Essensverteilstellen, sie haben dicht gemacht. Dabei steigt die Zahl der Nutzer. Es mangelt auch nicht an der Spendenbereitschaft. Nur wie hinkommen zu den Leuten im ländlichen Raum? Eine mobile Lösung wird gebraucht, um die bedürftigen Familien zu erreichen. Dafür fehlt das Geld. Überhaupt arbeiten die kleinen Vereine am Limit. Ohne die vielen Ehrenamtler würde gar nichts mehr laufen. Anke Weinrich von der Landesintervention und -koordination bei häuslicher Gewalt und Stalking und Daniela Suchantke vom Landesfrauenrat sprechen von häuslicher Gewalt. Davon, dass es so gut wie keine finanziellen Leistungen für die Prävention gibt. Was kann getan werden, damit es erst gar nicht zu einem Exzess kommt? Darüber hinaus werden dringend professionelle und gesonderte Angebote für Kinder, die Gewalt mitansehen, mitanhören oder selbst ausgehalten müssen.

Besonders krasse Vorfälle schildert Cathrin Schauer-Kelpin. Sie gründete vor gut einem viertel Jahrhundert den Verein KARO e.V. in Plauen, Südwestsachsen. Ein Verein, der grenzüberschreitend zu Tschechien arbeitet. Als Streetworker, Familienhilfe, Beratungsstelle, Frauenschutzhaus, auch eine Babykappe wurde eingerichtet. Zehn Nuegeborene konnten dadurch gerettet werden. Der Verein erhält allerdings keinerlei öffentliche Mittel. Dabei geht es um Kindesmissbrauch. Eltern auf tschechischer Seite bieten zu Teilen ihre eigenen Kinder für sexuelle Dienst an, aus purer Alltagsnot. Nicht selten sind gesellschaftlich ausgegrenzte Roma-Familien darunter. Die »Freier« jedoch kommen zu 80 Prozent von deutscher Seite. Ein tschechisches Problem? Ein deutsches? Ein irrsinniger Streit, wenn es um den Schutz von Kindern geht. Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes, bündelt am Ende, was zählt: Gewalt gegen Kinder ist nicht privat!

Es ist überfällig, den Familien, Kindern und Jugendlichen in dieser Corona-Beschränkungszeit lautstark Gehör zu verschaffen. Sie brauchen eine Lobby. Sie brauchen ein Stimme. Sie brauchen politische Fürsorge, Nicht nur jetzt, sondern immer. Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender und Initiator des Netzwerks gegen Kinderarmut, sieht DIE LINKE da in einer ganz besonderen Verantwortung.

Gisela Zimmer